Neurodiversität verstehen – mehr als ein neuer Begriff
Aus aktuellem Anlass – und passend zu einem Online-Referat, dass ich im Februar 2027 bei Alumni IKP halten darf – möchte ich einen Begriff etwas genauer beleuchten, der uns inzwischen fast überall begegnet: Neurodiversität bzw. Neurodivergenz.
Noch vor wenigen Monaten bestand ein grosser Teil meiner Aufklärungsarbeit darin, überhaupt erst zu erklären, was mit Neurodiversität und Neurodivergenz gemeint ist.
Inzwischen erlebe ich beinahe das Gegenteil: Der Begriff ist erstaunlich schnell in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Er findet sich in sozialen Medien, in Unternehmen, in Schulen, in Beratungsangeboten und zunehmend auch im Gesundheitsbereich.
Das ist grundsätzlich erfreulich. Gleichzeitig lohnt sich ein genauerer Blick darauf, was Neurodiversität und Neurodivergenz eigentlich bedeutet – und was nicht.
Neurodivergenz ist keine Diagnose
Vor einiger Zeit hatte ich einen Austausch mit einer Psychologin, die mir sehr bestimmt erklärte, den Begriff «Neurodivergenz» gebe es in der Psychologie nicht und eigentlich brauche es ihn auch nicht. Schliesslich sei doch längst bekannt, dass jeder Mensch individuell sei.
Mit einem Teil dieser Aussage gehe ich durchaus mit: Neurodivergenz ist kein medizinischer oder diagnostischer Begriff. Und natürlich ist jeder Mensch individuell.
Die entscheidende Frage ist für mich jedoch eine andere: Leben wir bereits in einer Gesellschaft, in der diese Individualität tatsächlich mitgedacht wird?
Wenn Unterschiedlichkeit selbstverständlich anerkannt würde und Menschen unabhängig davon, wie sie wahrnehmen, kommunizieren, lernen, fühlen oder Informationen verarbeiten, dieselben Möglichkeiten zur Teilhabe hätten, bräuchte es vermutlich viele unserer heutigen gesellschaftlichen Bewegungen und Begriffe nicht. Die Realität zeigt jedoch, dass Zugehörigkeit, Chancengleichheit und Teilhabe noch längst nicht für alle Menschen selbstverständlich sind.
Genau hier sehe ich den grossen Wert des Neurodiversitäts-Bewegung.
Vielfalt statt «normal» und «abweichend»
Neurodiversität beschreibt zunächst etwas sehr Grundsätzliches: Menschen unterscheiden sich in ihrer neurologischen und neurokognitiven Entwicklung und Verarbeitung. Der Begriff lässt sich insofern mit «Biodiversität» vergleichen – nur geht es hier um die Vielfalt menschlicher Gehirne, Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen.
Wichtig ist dabei die sprachliche Unterscheidung: Wir Menschen sind als Gruppe neurodivers. Als neurodivergent werden Menschen bezeichnet, deren neurokognitive Entwicklung oder Verarbeitung deutlich von dem abweicht, was gesellschaftlich als typisch (neurotypisch, neuronormativ) gilt.
Unter den Begriff Neurodivergenz werden häufig unter anderem Autismus, ADHS, Dyslexie, Dyskalkulie, Dyspraxie oder das Tourette-Syndrom gefasst. Die Grenzen des Begriffs sind allerdings nicht ganz klar und schon gar nicht medizinisch festgelegt und werden unterschiedlich gezogen. Auch Begriffe wie Hochsensibilität, Neurosensitivität oder Hochbegabung und einige mehr werden im Umfeld von Neurodivergenz verwendet, gehören jedoch (noch) nicht ganz in gleicher Weise zu den etablierten neuroentwicklungsbezogenen Kategorien.
Für unsere Arbeit als Psychologische Beratende ist für mich ohnehin weniger entscheidend, welches Etikett wir verwenden. Viel wichtiger ist die Haltung, die dahintersteht.
Menschen können Reize unterschiedlich intensiv wahrnehmen, Informationen unterschiedlich verarbeiten, verschiedene Regulationsbedürfnisse haben oder soziale Situationen sehr unterschiedlich erleben. Was für einen Menschen hilfreich, motivierend oder beruhigend ist, kann für einen anderen überfordernd sein.
Dieses Wissen kann unseren Blick verändern.
Statt vorschnell zu fragen:
«Warum macht dieser Mensch das nicht? Warum verweigert er sich?»
können wir vielleicht häufiger fragen:
«Was braucht dieser Mensch, damit es für ihn möglich wird? Oder gar: Was ist der Vorteil davon oder welche Stärken sind vorhanden?»
Weder pathologisieren noch glorifizieren
Der Neurodiversitätsansatz bedeutet für mich ausdrücklich nicht, Schwierigkeiten kleinzureden.
ADHS, Autismus oder andere neurodivergente Entwicklungen können mit erheblichen Herausforderungen verbunden sein. Menschen können unter Reizüberflutung, exekutiven Schwierigkeiten, sozialer Überforderung, chronischer Anpassungsleistung oder fehlender Passung zwischen ihren Bedürfnissen und ihrer Umwelt stark leiden.
Neurodivergenz muss deshalb weder pathologisiert noch romantisiert werden.
Es geht darum, beides gleichzeitig sehen zu können: Ressourcen und Leidensdruck, Individualität und Unterstützungsbedarf.
Gerade diese differenzierte Haltung empfinde ich in meiner Arbeit als ausgesprochen wertvoll.
«Endlich verstehe ich, warum ich mich so oft anders fühle»
Besonders berührt mich immer wieder, was die Beschäftigung mit Neurodivergenz bei vielen betroffenen Menschen selbst auslöst.
Viele haben über Jahre oder sogar Jahrzehnte erlebt, dass sie irgendwie «anders» sind. Es wurden ihnen oft suggeriert, dass sie zu laut oder zu still waren, zu empfindlich oder zu impulsiv, zu chaotisch, zu intensiv, zu langsam oder gleichzeitig viel zu schnell. Nicht wenige entwickeln daraus irgendwann die Überzeugung: Mit mir stimmt etwas nicht. Ich bin falsch so wie ich bin.
Wenn sie später beginnen, ihre Wahrnehmung und ihr Erleben im Kontext ihrer Neurodivergenz zu verstehen, kann sich Entscheidendes verändern:
Aus
«Was stimmt nicht mit mir?»
kann langsam
«Wie funktioniere ich eigentlich – und was brauche ich - was sind meine Stärken?»
werden.
Und gleichzeitig entsteht häufig etwas, das für uns Menschen zentral ist: ein Zugehörigkeitsgefühl und die Möglichkeit «sein eigenes Betriebssystem» zu verstehen.
Plötzlich gibt es andere Menschen, die ähnliche Erfahrungen kennen. Das vermeintlich persönliche Scheitern bekommt einen anderen Kontext. Für viele kann das enorm entlastend sein.
Wenn ein wichtiger Begriff zum Marketingbegriff wird
Dass Neurodiversität heute deutlich sichtbarer wird, begrüsse ich sehr. Gleichzeitig beobachte ich die aktuelle Entwicklung auch mit einer gewissen Sorge.
Wo ein gesellschaftliches Thema an Aufmerksamkeit gewinnt, entstehen beinahe automatisch Angebote, Programme und Marketingkonzepte. Nicht alles, was heute mit «neurodivers», «neurodivergent» oder ähnlichen Begriffen versehen wird, basiert tatsächlich auf fundiertem Wissen. Einige Fachpersonen verwenden deshalb bereits vermehrt spezifischere Begriffe wie z.B. «neurodivergenzsensibel», «neuroaffirmativ», etc.
Gerade deshalb wird Aufklärungsarbeit aus meiner Sicht nicht weniger, sondern wichtiger.
Es braucht fachliches Wissen, die Einbeziehung von Forschung ebenso wie von Erfahrungswissen und vor allem die Bereitschaft, neurodivergenten Menschen selbst zuzuhören.
Denn letztlich sollte Neurodiversität kein neues Etikett sein, mit dem wir Menschen in die nächste Schublade stecken.
Vielleicht ist der wichtigste Gedanke dahinter viel einfacher:
Menschen nehmen die Welt unterschiedlich wahr. Sie verarbeiten sie unterschiedlich. Sie brauchen Unterschiedliches. Und diese Unterschiede verdienen zunächst einmal unser Interesse und unser Verständnis.
Wer sich weiter informieren möchte
Für eine vertiefte Beschäftigung mit Neurodiversität und Neurodivergenz möchte ich folgende Seiten empfehlen:
Verband Neurodiversität DACH
Dachverband für Deutschland, Österreich und die Schweiz
https://neurodivers-dach.org/
Verein NeuroInklusiv
https://www.neuroinklusiv.ch/
Verein NeuroWorldCafé
https://www.neuro-worldcafe.ch/
ADHSSpektrum
ADHS - Selbstunterdrückung oder Selbstkontrolle - ADHS Blog und Community ADHSSpektrum
Für Mitgliedschaft: https://www.skool.com/adhsspektrum-adhs-community-9978/about?ref=6a13b7c101fe48aca01967d94dd817d1
Auf meinem Blog findet sich ausserdem der Beitrag «Neurodiversität verstehen – als neurodivergente Frau erfolgreich durchs Leben», der im Zusammenhang mit einem Interview an einem Frauenkongress entstanden ist:
Und wer noch tiefer in das Thema eintauchen möchte: Im Februar 2027 werde ich gemeinsam mit Claudia Rittinghaus ein Online-Fachreferat zum Thema Neurodivergenz halten. Claudia ist Expertin für Neurodivergenz und neurodivergente Gesundheit sowie Mitgründerin von https://www.skogglade.ch, einer Beratungs- und Bildungsstelle an der Schnittstelle von Neurodiversität, Trauma, Gesundheit und Bildung.
Ich freue mich sehr darauf, dieses wichtige und gleichzeitig vielschichtige Thema gemeinsam mit euch weiter zu vertiefen.



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