Aus aktuellem Anlass (div. Diskussionen in den Medien) ist heute dieser Blogartikel entstanden:
Zwischen Vorurteil und Verstehen: Warum Neurodivergenz echte Gespräche braucht
Immer wieder begegnen mir Aussagen wie:
„ADHS und Autismus sind heute einfach Modediagnosen.“
Oder:
„Das wird doch inzwischen für alles als Erklärung benutzt.“
Manchmal noch zugespitzter:
„Das ist doch einfach eine Ausrede.“
Solche Sätze irritieren mich nicht nur fachlich, sondern auch menschlich und persönlich. Sie reduzieren komplexe neurobiologische, psychologische und soziale Realitäten auf pauschale Bewertungen. Und sie verhindern genau das, was im Umgang mit Neurodivergenz am meisten gebraucht wird: echtes Verstehen. ADHS, ASS, HSP und andere Neurodivergenzen sind ganz klar keine Modeerscheinungen und schon gar keine Ausreden.
Aus meiner Sicht basieren diese Schlagworte auf vorschnellen Meinungen, zu wenig ganzheitlichem Wissen und gesellschaftlicher Abwehrreflexe. Echtes Bewusstsein und Verstehen, entsteht jedoch dort, wo Menschen miteinander in einen ernst gemeinten Dialog treten. Dort, wo zugehört, nachgefragt, eingeordnet und gemeinsam reflektiert wird. Dort, wo Erfahrungswissen und Fachwissen sich begegnen.
Wenn Sichtbarkeit mit Beliebigkeit verwechselt wird
In öffentlichen Diskussionen wird die zunehmende Sichtbarkeit von ADHS, ASS, HSP oder allgemein neurodivergenten Lebensrealitäten häufig mit Übertreibung verwechselt. Dahinter steht nicht selten die Annahme, dass etwas, das heute häufiger benannt wird, zwangsläufig „Mode“ sein müsse.
Fachlich betrachtet ist diese Schlussfolgerung sehr problematisch.
Dass heute mehr Menschen Zusammenhänge erkennen, mehr Begriffe zur Verfügung haben und mehr differenzierte diagnostische Zugänge bestehen, bedeutet nicht automatisch, dass Neurodivergenz plötzlich „mehr geworden“ ist. Vielmehr zeigt es, dass Wahrnehmung, Sensibilisierung und diagnostische Einordnung sich weiterentwickelt haben. Phänomene, die lange missverstanden, übersehen oder fehlinterpretiert wurden, werden heute teilweise genauer benannt.
Das ist kein Ausdruck gesellschaftlicher Beliebigkeit, sondern ein Hinweis auf einen Lernprozess.
Gerade bei ADHS, HSP und Autismus wissen wir, dass viele Betroffene über Jahre oder Jahrzehnte mit Zuschreibungen leben, die ihrem inneren Erleben nicht gerecht werden. Sie gelten als unmotiviert, zu sensibel, schwierig, unstrukturiert, sozial „komisch“, überreaktiv oder nicht belastbar. Was von aussen sichtbar ist, wird dabei vorschnell als Charakterfrage interpretiert, obwohl da vordergründig neurobiologische, reizverarbeitende, exekutive oder soziale Verarbeitungsbesonderheiten mitwirken.
Wer in diesem Zusammenhang von „Modediagnose“ spricht, unterschätzt die Tiefe und Komplexität des Themas völlig und zeigt keinerlei Verständnis für den oft ausgeprägten Leidensdruck vieler Betroffener.
Neurodivergenz ist kein Vorwand, sondern ein Schlüssel zum Verstehen
Ein neurodivergentes Profil zu benennen bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Es bedeutet zunächst, einen realistischen Bezugsrahmen für das eigene Sein, Erleben und Verhalten zu schaffen. Das ist ein grosser Unterschied.
Menschen suchen oft nicht hauptsächlich deshalb nach Erklärungsmustern, weil sie sich entlasten wollen, sondern meist deshalb, weil sie sich selbst endlich besser verstehen möchten. Viele erleben zum ersten Mal, warum bestimmte Alltagssituationen so erschöpfend sind, weshalb soziale Kontexte überfordern, warum Selbstorganisation nicht einfach durch „mehr Disziplin“ gelingt oder weshalb sie sich über Jahre trotz grosser Anstrengung als falsch, unzulänglich oder missverstanden erlebt haben.
Eine Erklärung ersetzt nicht die Eigenverantwortung.
Aber sie verändert die Qualität des Umgangs mit sich selbst und mit anderen.
Sie kann Scham reduzieren.
Sie kann Selbstabwertung mindern.
Sie kann helfen, passgenauere Strategien zu entwickeln.
Und sie kann Beziehungen entlasten, weil das Gegenüber nicht länger nur Defizite sieht, sondern Zusammenhänge versteht.
Gerade deshalb ist Sprache so wichtig. Nicht als Etikett, sondern als Zugang zu mehr Bewusstheit.
Warum Dialog der fruchtbarste Ansatz ist
In meiner Arbeit und auch im Kontext des NeuroWorldCafé (www.neuro-worldcafe.ch) erlebe ich immer wieder: Der grösste Erkenntnisgewinn entsteht selten dort, wo Menschen lediglich informiert werden. Er entsteht dort, wo sie in einen echten Austausch kommen.
Echter Dialog ist deshalb so wertvoll, weil er mehrere Ebenen gleichzeitig berührt.
Er schafft einen Raum, in dem subjektives Erleben sichtbar werden darf.
Er verbindet persönliche Erfahrung mit fachlicher Einordnung.
Er fördert Perspektivenwechsel.
Und er unterbricht die Tendenz, Menschen vorschnell zu kategorisieren.
Gerade im Bereich Neurodivergenz ist das zentral. Denn viele Schwierigkeiten, die neurodivergente Menschen erleben, sind nicht isoliert in der Person zu verstehen. Sie entstehen auch im Zusammenspiel mit sozialen Erwartungen, gesellschaftlichen Strukturen, schulischen oder beruflichen Anforderungen und mit einer Umwelt, die oft auf neurotypische Normen ausgerichtet ist.
Wenn wir nur auf Verhalten schauen, sehen wir zu wenig.
Wenn wir in den Dialog gehen, beginnt sich das Bild zu erweitern.
Dann wird sichtbar, wie viel Kraft Anpassung kostet.
Wie oft Menschen über ihre Grenzen gehen, um „funktionieren“ zu können.
Wie häufig Missverständnisse aus unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen entstehen.
Und auch, welche Ressourcen, Talente, Tiefenschärfen, Kreativität und besondere Formen der Wahrnehmung mit neurodivergenten Profilen verbunden sein können.
Nicht über Menschen sprechen, sondern mit ihnen
Das ist der Grund, warum ich zusammen mit zwei wunderbaren anderen neurodivergenten Fachpersonen den Verein «NeuroWorldCafé» gegründet habe. Einer der wertvollsten Aspekte des NeuroWorldCafé ist für mich genau dieser Perspektivenwechsel: nicht über Betroffene sprechen, sondern mit ihnen.
Dieser Unterschied ist weit mehr als eine sprachliche Feinheit. Er ist eine Haltung.
Wer über Menschen spricht, ohne sie wirklich einzubeziehen, bleibt leicht in Projektionen, Vermutungen und Bewertungen hängen. Wer mit Menschen spricht, begegnet ihrer Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit ist fast immer differenzierter, komplexer und berührender als jede vorschnelle Einkategorisierung, Bewertung oder gar Vorurteile.
Wenn neurodivergente Menschen selbst schildern, wie sie wahrnehmen, lernen, arbeiten, Beziehungen gestalten, überreizen, maskieren, kompensieren, scheitern und sich wieder orientieren, dann entsteht eine andere Qualität von Bewusstsein. Dann wird aus einem abstrakten Begriff ein menschlich nachvollziehbarer Erfahrungsraum.
Genau das halte ich gesellschaftlich für hoch relevant.
Denn Aufklärung allein reicht nicht, wenn sie nicht in Beziehung eingebettet ist. Wissen wird erst dann wirklich wirksam, wenn es mit Resonanz, Begegnung und persönlicher Berührbarkeit verbunden wird.
Der Preis von Abwertung
Abwertende Aussagen wie „Modediagnose“ oder „Ausrede“ sind nicht harmlos. Sie haben Wirkung.
Sie führen dazu, dass Betroffene sich nicht zeigen.
Sie fördern Selbstzweifel.
Sie erschweren Diagnostik und Selbstklärung.
Sie verhindern frühe Unterstützung.
Und sie verstärken die Tendenz, innere Not so lange zu überspielen, bis Erschöpfung, Überforderung oder sekundäre psychische Belastungen entstehen.
Gerade Menschen mit ADHS, ASS, HSP oder gar AuDHS haben oft eine lange Geschichte von Missverstandenwerden hinter sich. Viele haben früh gelernt, dass ihre Wahrnehmung „zu viel“, ihr Verhalten „zu wenig passend“ oder ihre Art zu sein „anstrengend“ sei. Manche haben sich stark angepasst. Andere sind in Widerstand gegangen. Wieder andere haben den Preis in Form von Erschöpfung, innerem Rückzug, Beziehungskonflikten oder einem brüchigen Selbstwert bezahlt.
Wenn wir in einer solchen Realität mit Abwertung reagieren, verstärken wir das Problem.
Wenn wir mit Dialog reagieren, öffnen wir Entwicklung.
Was wir heute mehr denn je brauchen
Wir brauchen mehr differenzierte Gespräche und weniger polemische Kurzurteile.
Wir brauchen mehr Bereitschaft, Komplexität auszuhalten.
Wir brauchen mehr Räume, in denen Menschen einander zuhören, ohne sich vorschnell zu verteidigen oder einzuordnen.
Und wir brauchen den Mut, unser Verständnis von Normalität zu hinterfragen.
Neurodivergenz lädt uns dazu ein, menschliche Vielfalt nicht nur theoretisch zu bejahen, sondern praktisch ernst zu nehmen. Das heisst nicht, Herausforderungen zu romantisieren. Es heisst auch nicht, alles zu entschuldigen oder jede Schwierigkeit ausschliesslich neurobiologisch zu erklären. Es heisst vielmehr, genauer hinzuschauen: auf Wechselwirkungen, auf Belastungen, auf Ressourcen, auf Entwicklungsbedingungen und auf das, was Menschen tatsächlich hilft.
Genau dafür braucht es Dialog.
Nicht als wohlklingendes Konzept, sondern als konkrete Praxis: in Familien, in Schulen, in der Berufsbildung, in Teams, in Beratungsräumen und in der Öffentlichkeit.
Mein persönliches Fazit
Ich bin überzeugt: Der wertvollste Gegenpol zu Aussagen wie „ADHS und ASS sind Modediagnosen“ ist nicht Empörung, sondern differenzierte Begegnung.
Nicht Gegenabwertung, sondern Aufklärung mit Haltung.
Nicht Rechthaben, sondern ernsthaftes Verstehenwollen.
Nicht Distanz, sondern Dialog.
Denn dort, wo Menschen sich mit Offenheit begegnen, verändert sich etwas. Vorurteile verlieren an Schärfe. Komplexität wird aushaltbarer. Und plötzlich wird sichtbar, worum es eigentlich geht: nicht um Etiketten, sondern um Menschen.
Diese Blogserie möchte genau dazu beitragen. Zu mehr Differenzierung, mehr Sprache, mehr Bewusstsein und mehr Verständnis für neurodivergente Lebensrealitäten.
Im nächsten Beitrag werde ich den Blick auf AuDHS richten, also auf das Zusammenspiel von ADHS und Autismus. Ein Bereich, der noch immer oft missverstanden, übersehen oder zu wenig differenziert betrachtet wird und gerade deshalb besondere Aufmerksamkeit verdient.
Neurodivergenz braucht keine Abwertung. Sie braucht Resonanz, Sprache und echten Dialog.
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