Prokrastination verstehen: Warum wir Dinge aufschieben – und weshalb mehr Disziplin oft nicht hilft
Aufschieben ist nicht gleich Faulheit. Hinter Prokrastination stecken häufig emotionale, psychologische und neurobiologische Prozesse, die sich nicht einfach mit mehr Willenskraft überwinden lassen. Besonders auch Menschen mit ADHS kennen das Phänomen, genau zu wissen, was zu tun wäre, und trotzdem nicht ins Handeln zu kommen.
Von Judith Jörg – Psychologische und Psychosoziale Beraterin, Paar- und Familienberaterin und ADHS-Fachperson
Zwei junge Menschen, viele spannende Fragen – ein Interview über Prokrastination
Kürzlich durfte ich in meiner Praxis zwei interessierte 19-Jährige begrüssen, die sich im Rahmen ihrer Abschlussarbeit intensiv mit dem Thema Prokrastination – dem chronischen Aufschieben von Aufgaben beschäftigen.
Die beiden hatten sich bereits im Vorfeld viele spannende und differenzierte Fragen überlegt. Im Interview wollten sie unter anderem wissen, weshalb manche Menschen Aufgaben immer wieder vor sich herschieben, welche psychologischen und neurobiologischen Prozesse dabei eine Rolle spielen und weshalb Menschen mit ADHS besonders häufig davon betroffen sind.
Auch die Fragen, wann Aufschieben problematisch wird, welche Rolle Perfektionismus und Versagensängste spielen und wie Betroffene aus diesem Kreislauf herausfinden können, standen im Mittelpunkt unseres Gesprächs.
Ich habe mich sehr über das Interesse der beiden jungen Menschen gefreut. Besonders schön fand ich, wie neugierig, offen und differenziert sie sich mit einem Thema auseinandersetzten, das in unserer leistungsorientierten Gesellschaft noch immer häufig missverstanden wird.
Denn Prokrastination hat in vielen Fällen weit weniger mit Faulheit oder fehlender Disziplin zu tun, als allgemein angenommen wird.
Das spannende Interview hat mich dazu inspiriert, einige der wichtigsten Erkenntnisse und Zusammenhänge auch hier in meinem Blog aufzugreifen.
«Ich weiss genau, was ich tun müsste – aber ich schaffe es einfach nicht anzufangen.»
Vielleicht kennst Du diese Situation: Eine wichtige Aufgabe wartet auf Dich. Du hast sie Dir fest vorgenommen, vielleicht sogar mehrfach in Deinen Kalender eingetragen. Doch statt anzufangen, beantwortest Du Nachrichten, räumst auf, recherchierst noch etwas oder beschäftigst Dich mit anderen Dingen.
Am Ende des Tages ist die eigentliche Aufgabe immer noch unerledigt. Zurück bleiben Frustration, Selbstvorwürfe und das schlechte Gewissen.
Was von aussen wie mangelnde Disziplin oder fehlende Motivation aussieht, kann ganz andere Ursachen haben.
In meiner Beratungspraxis begegne ich regelmässig Menschen, die unter solchen Schwierigkeiten leiden. Besonders häufig erlebe ich dieses Thema im Zusammenhang mit ADHS, chronischer Überforderung, Ängsten oder ausgeprägtem Perfektionismus.
Meine wichtigste Botschaft lautet deshalb: Prokrastination ist häufig kein Problem des Wissens oder Wollens, sondern der Selbstregulation und Umsetzung.
Was ist Prokrastination eigentlich?
Der Begriff Prokrastination bezeichnet das wiederholte Aufschieben einer beabsichtigten Handlung, obwohl uns bewusst ist, dass daraus negative Konsequenzen entstehen können.
Dabei ist gelegentliches Aufschieben völlig menschlich. Wir alle verschieben hin und wieder unangenehme Aufgaben.
Problematisch wird es, wenn sich dieses Verhalten wiederholt, kaum mehr kontrollieren lässt und zu erheblichem Leidensdruck führt.
Die Folgen können vielfältig sein:
-
Dauerhafter Stress und zunehmender Zeitdruck
-
Schuldgefühle, Scham und Selbstzweifel
-
Konflikte in Partnerschaft, Familie oder Beruf
-
Schlafprobleme und Erschöpfung
-
Schwierigkeiten in Ausbildung, Studium oder Arbeitsalltag
-
Ein zunehmend negatives Selbstbild
Wichtig ist die fachliche Unterscheidung: Prokrastination ist weder in der ICD-10 noch in der ICD-11 als eigenständige psychische Erkrankung klassifiziert.
Sie ist vielmehr ein Verhaltensmuster, das unterschiedliche Ursachen haben und auch im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen oder neuroentwicklungsbedingten Besonderheiten auftreten kann.
Warum schieben wir auf? Die Rolle unserer Gefühle
Lange wurde Prokrastination vor allem als Zeitmanagementproblem betrachtet. Heute wissen wir, dass die Regulation unangenehmer Gefühle häufig eine entscheidende Rolle spielt.
Stell Dir vor, Du solltest eine wichtige E-Mail schreiben. Schon beim Gedanken daran entsteht ein unangenehmes Gefühl. Vielleicht hast Du Angst, etwas falsch zu formulieren, eine negative Reaktion zu erhalten oder den Erwartungen nicht gerecht zu werden.
Dein Nervensystem reagiert auf diese innere Anspannung. Du möchtest das unangenehme Gefühl möglichst schnell loswerden.
Also verschiebst Du die Aufgabe.
Und tatsächlich: Für einen kurzen Moment fühlst Du Dich erleichtert.
Genau darin liegt das Problem.
Unser Gehirn lernt, dass Vermeidung kurzfristig Entlastung bringt. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir beim nächsten Mal wieder aufschieben.
Es entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf:
Unangenehme Aufgabe → innerer Stress → Aufschieben → kurzfristige Erleichterung → langfristig mehr Stress
Deshalb reicht es häufig nicht, einfach einen besseren Wochenplan zu erstellen.
In meinen Beratungen stelle ich somit oft neben der Frage «Wie organisierst Du Deine Aufgaben?» weitere, oft wesentlich wichtigere Fragen wie:
«Was passiert eigentlich in Dir, wenn Du anfangen möchtest?»
Denn dort finden wir häufig den Schlüssel für nachhaltige Veränderung.
Prokrastination bei ADHS: Wenn das Anfangen zur Herausforderung wird
Bei Menschen mit ADHS zeigt sich Prokrastination häufig besonders ausgeprägt.
Dabei geht es nicht zwangsläufig um mangelnde Motivation. Vielmehr können Schwierigkeiten in den sogenannten exekutiven Funktionen eine wichtige Rolle spielen.
Diese Funktionen helfen uns unter anderem dabei, Handlungen zu planen, Prioritäten zu setzen, unsere Aufmerksamkeit zu steuern und Aufgaben zu beginnen.
Gerade die Handlungsinitiierung – also der Übergang vom Vorhaben zum tatsächlichen Tun – kann bei ADHS erschwert sein.
Ein typisches Beispiel:
Jemand kann stundenlang konzentriert an einem spannenden Projekt arbeiten, schafft es aber nicht, eine kurze Rechnung zu bezahlen oder einen wichtigen Telefonanruf zu erledigen.
Für Aussenstehende wirkt das manchmal widersprüchlich.
«Wenn Du Dich so lange mit Deinem Hobby beschäftigen kannst, kannst Du doch auch diese eine Aufgabe erledigen!»
Doch so einfach funktioniert unser Gehirn nicht.
Interesse, emotionale Bedeutung, unmittelbare Belohnung, Klarheit und Dringlichkeit beeinflussen, wie leicht wir ins Handeln kommen.
Bei ADHS kann diese Kontextabhängigkeit besonders stark ausgeprägt sein.
Auch das bekannte Phänomen, erst kurz vor einer Deadline plötzlich produktiv zu werden, hängt damit zusammen. Die zunehmende Dringlichkeit kann helfen, die notwendige Aktivierung aufzubauen.
Unter Zeitdruck funktionieren zu können, bedeutet aber nicht, dass das vorherige Aufschieben freiwillig oder angenehm war.
Viele Betroffene leiden erheblich unter diesem Muster.
Deshalb ist mir in meiner Arbeit besonders wichtig, zwischen fehlendem Willen und Schwierigkeiten der Handlungssteuerung zu unterscheiden.
Perfektionismus: Wenn die Angst vor Fehlern uns blockiert
Nicht nur ADHS kann Prokrastination begünstigen.
Auch Perfektionismus spielt bei manchen Menschen eine wichtige Rolle.
Dabei sind hohe Qualitätsansprüche an sich nichts Negatives. Problematisch wird es, wenn der eigene Selbstwert stark davon abhängt, möglichst keine Fehler zu machen.
Typische innere Überzeugungen sind beispielsweise:
-
«Wenn ich es nicht perfekt machen kann, beginne ich lieber gar nicht.»
-
«Ich muss zuerst noch mehr Informationen sammeln.»
-
«Wenn ich einen Fehler mache, enttäusche ich andere.»
-
«Ich darf mir keine Schwächen erlauben.»
Solche Gedanken können einen enormen inneren Druck erzeugen.
Die Aufgabe wird dadurch nicht nur zu einer Tätigkeit, sondern zu einer vermeintlichen Prüfung des eigenen Wertes.
In der Beratung geht es deshalb häufig darum, überhöhte Erwartungen zu erkennen, die Angst vor Fehlern zu verstehen und einen freundlicheren Umgang mit sich selbst zu entwickeln.
Manchmal ist «gut genug und abgeschlossen» wesentlich hilfreicher als «perfekt und niemals fertig».
Prokrastination, Depression oder Erschöpfung – wo liegt der Unterschied?
Nicht jede Schwierigkeit, eine Aufgabe zu beginnen, ist automatisch Prokrastination.
Bei depressiven Beschwerden können beispielsweise Antriebsmangel, Interessenverlust, gedrückte Stimmung und Erschöpfung viele Lebensbereiche gleichzeitig betreffen.
Bei Prokrastination werden hingegen häufig bestimmte Aufgaben vermieden, während andere Tätigkeiten durchaus gelingen.
Auch chronische Überlastung kann dazu führen, dass selbst einfache Aufgaben plötzlich unüberwindbar erscheinen.
Diese Unterschiede sind wichtig, weil sie unterschiedliche Formen der Unterstützung erfordern.
Wer bereits erschöpft ist, braucht möglicherweise nicht noch mehr Aktivierung, Selbstoptimierung oder zusätzliche Verpflichtungen.
Manchmal ist nicht mehr Disziplin gefragt, sondern weniger Überforderung.
Bei ausgeprägten oder anhaltenden Beschwerden ist eine entsprechende medizinische oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll.
Warum To-do-Listen und Zeitmanagement allein oft nicht ausreichen
Viele Menschen, die unter Prokrastination leiden, haben bereits unzählige Methoden ausprobiert.
To-do-Listen, Kalender, Erinnerungen, Produktivitäts-Apps oder die bekannte Pomodoro-Technik können durchaus hilfreich sein.
Doch sie lösen nicht automatisch die eigentliche Ursache.
Eine To-do-Liste sagt uns, was wir erledigen sollen.
Sie hilft uns aber nicht zwingend dabei, mit der Angst, Überforderung, Langeweile oder inneren Blockade umzugehen, die beim Gedanken an die Aufgabe entsteht.
Gerade bei ADHS können ausserdem Schwierigkeiten mit Priorisierung, Zeitgefühl und Arbeitsgedächtnis hinzukommen.
Deshalb sollten Hilfsmittel immer an die individuellen Voraussetzungen angepasst werden.
Nicht der Mensch muss sich einem starren System anpassen. Vielmehr sollte das System so gestaltet sein, dass es den Menschen unterstützt.
5 hilfreiche Strategien gegen Prokrastination
1. Verkleinere den ersten Schritt
Statt Dir vorzunehmen, den gesamten Bericht zu schreiben, beginne damit, lediglich die Datei zu öffnen und drei Stichworte zu notieren.
Der erste Schritt darf so klein sein, dass er kaum Überwindung kostet.
Das Ziel ist zunächst nicht, möglichst viel zu leisten, sondern überhaupt ins Handeln zu kommen.
2. Erkenne die Gefühle hinter dem Aufschieben
Frage Dich:
«Was genau macht mir den Einstieg gerade schwer?»
Ist es Angst vor Fehlern? Überforderung? Unklarheit? Langeweile? Oder vielleicht die Sorge, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden?
Allein das Erkennen dieser inneren Prozesse kann helfen, bewusster damit umzugehen.
3. Schaffe passende äussere Strukturen
Besonders bei ADHS können unterstützende Rahmenbedingungen entscheidend sein.
Dazu gehören beispielsweise klare Zwischenziele, sichtbare Erinnerungen, kurze Arbeitsintervalle oder das gemeinsame Arbeiten mit einer anderen Person.
Dieses gemeinsame Arbeiten wird auch als Body Doubling bezeichnet.
Dabei muss die andere Person nicht einmal dieselbe Aufgabe erledigen. Oft hilft bereits ihre Anwesenheit, um leichter anzufangen und dranzubleiben.
4. Verabschiede Dich vom Perfektionsanspruch
Erlaube Dir, unvollkommen zu beginnen.
Ein erster Entwurf muss noch nicht gut sein. Eine Aufgabe darf auch mit 80 Prozent Deiner Idealvorstellung abgeschlossen werden, wenn dies dem tatsächlichen Zweck genügt.
Veränderung entsteht häufig durch Ausprobieren und nicht durch perfektes Planen.
5. Begegne Dir selbst mit mehr Verständnis
Selbstvorwürfe wie «Ich bin einfach zu faul» oder «Andere schaffen das doch auch» verstärken häufig Scham und inneren Druck.
Versuche stattdessen herauszufinden, welche Bedingungen Dir helfen, leichter ins Handeln zu kommen.
Selbstmitgefühl bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben.
Es bedeutet, Schwierigkeiten anzuerkennen und konstruktiv mit ihnen umzugehen.
Wie können Angehörige unterstützen?
Auch für Partnerinnen und Partner, Eltern oder andere nahestehende Menschen kann chronisches Aufschieben belastend sein.
Wiederholte Erinnerungen, unerledigte Aufgaben und gebrochene Vereinbarungen führen nicht selten zu Konflikten.
Vorwürfe wie «Du musst Dich einfach besser organisieren» oder «Du bist doch nur zu bequem» sind jedoch selten hilfreich.
Sie können den Druck erhöhen und bestehende Schamgefühle verstärken.
Hilfreicher sind Fragen wie:
«Was macht Dir den Einstieg gerade schwer?»
«Was würde Dir helfen, anzufangen?»
«Möchtest Du, dass ich mich für zehn Minuten zu Dir setze?»
Wichtig ist dabei, Unterstützung anzubieten, ohne dauerhaft die Verantwortung für die andere Person zu übernehmen.
Verständnis und Eigenverantwortung schliessen sich nicht aus – im Gegenteil, sie können sich gegenseitig stärken.
Wie ich Menschen mit Prokrastination in meiner Praxis begleite
In meiner psychologischen und psychosozialen Beratung geht es nicht darum, Menschen zu noch mehr Leistung oder Selbstdisziplin anzutreiben.
Vielmehr möchte ich gemeinsam mit ihnen verstehen, weshalb bestimmte Verhaltensmuster entstanden sind und welche Funktion sie erfüllen.
Dabei berücksichtige ich sowohl psychologische und emotionale Prozesse als auch individuelle neurobiologische Voraussetzungen, persönliche Erfahrungen und aktuelle Lebensumstände.
Gerade bei ADHS und anderen Formen von Neurodivergenz ist es entscheidend, nicht ausschliesslich an klassischen Vorstellungen von Selbstorganisation festzuhalten.
Was für einen Menschen gut funktioniert, kann für einen anderen völlig ungeeignet sein.
Deshalb erarbeiten wir individuelle Strategien, die zur jeweiligen Person, ihrem Nervensystem und ihrem Alltag passen.
Im Mittelpunkt stehen dabei Selbstverständnis, Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation und alltagstaugliche Veränderungen.
Mein Fazit: Nicht mehr Druck, sondern mehr Verständnis
Das Interview mit den beiden jungen Erwachsenen hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, vermeintlich alltägliche Verhaltensweisen genauer zu betrachten und vorschnelle Bewertungen zu hinterfragen.
Prokrastination ist ein komplexes Phänomen, das weit über mangelnde Disziplin hinausgeht.
Häufig wissen Betroffene sehr genau, was sie tun müssten. Was ihnen fehlt, ist nicht das Wissen, sondern ein passender Zugang zur Umsetzung.
Dauerhafte Veränderung beginnt deshalb selten mit noch strengeren Regeln oder noch mehr Selbstkritik.
Sie beginnt mit einem besseren Verständnis der eigenen inneren Prozesse.
Statt zu fragen «Warum schaffe ich das schon wieder nicht?», dürfen wir uns fragen: «Was brauche ich, damit es mir leichter fällt?»
Denn manchmal verändert bereits diese neue Perspektive sehr viel.
Ein herzliches Dankeschön an die beiden jungen Interviewpartner für das spannende Gespräch, ihre interessierten Fragen und ihre engagierte Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema. Ich wünsche ihnen viel Erfolg mit ihrer Abschlussarbeit!
Du möchtest Dein Aufschiebeverhalten besser verstehen?
Wenn Du Dich in diesen Beschreibungen wiedererkennst, unter wiederkehrender Prokrastination leidest oder im Zusammenhang mit ADHS Schwierigkeiten bei der Selbstorganisation und Handlungsinitiierung erlebst, begleite ich Dich gerne.
In meiner Praxis Heilort Judith Jörg in Buchs SG biete ich psychologische und psychosoziale Einzel-, Paar- und Familienberatung sowie ADHS-Coaching und Neurodivergenz-Beratungen an.
Gemeinsam schauen wir nicht nur auf das sichtbare Verhalten, sondern auch auf die dahinterliegenden Zusammenhänge und entwickeln individuelle, alltagstaugliche Lösungsansätze.



Hinterlasse einen Kommentar
Diese Website ist durch hCaptcha geschützt und es gelten die allgemeinen Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen von hCaptcha.